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Der Hunger tut ja so weh

Aus einem Brief

Samuel K. (12 Jahre) besucht seit zwei Jahren die Secondary School in Bugamba / Westtanzania.
Er schreibt in einem Brief nach Deutschland:

„Ihr wollt wissen, wie es mir jetzt in der neuen Schulsituation geht?
Unser Tag beginnt um 6 Uhr in der Frühe. Wir machen uns bald nach dem Aufstehen auf den Weg in die Schule, die um 7 Uhr beginnt. Wenn wir das Schulgebäude erreicht haben, müssen wir zuerst unseren Klassenraum und das Schulgelände säubern, den Schmutz, das Papier und andere Abfälle vom Vortag wegräumen. Wenn wir diese Arbeiten erledigt haben, treffen wir uns klassenweise zu einem kleinen Morgenlauf.
Die erste Unterrichtsstunde beginnt um 8 Uhr. Zu Beginn des Unterrichts kontrolliert unser Lehrer, ob wir einigermaßen sauber gewaschen sind und ob unsere Schuluniform in Ordnung ist.
Wir haben in der Regel 6 Schulstunden.
Um 14 Uhr können wir dann endlich nach Hause zurück in unser Dorf gehen. Manche von uns haben einen weiten Schulweg. Fahrzeuge gibt es bei uns ja nicht, wir müssen alles zu Fuß zurücklegen. Während wir in der Schule sind, bekommen wir nichts zu essen. Auch zu Hause gibt es morgens kein Frühstück für uns. Ihr könnt Euch vorstellen, wie hungrig wir sind, wenn wir dann mittags nach Hause kommen. Aber es ist nicht selbstverständlich, dass wir dann auch ein Mittagessen bekommen.

Mittags sind die Eltern meistens noch auf den Feldern, die weit von unserem Dorf entfernt liegen. Wir müssen bis zum Abend warten, bis sie von der Feldarbeit nach Hause kommen. Wir Kinder müssen das Wasser vom Fluss oder vom Brunnen holen und Holz für die Kochstelle sammeln. Wir machen das am Nachmittag nach der Schule. Große Lust haben wir nicht dazu, aber wenn wir das nicht machen, gibt es kein Essen. Erst wenn wir unsere Aufgaben alle erfüllt haben, kann das Essen zubereitet werden. Fertignahrung oder einen Kühlschrank zum Aufbewahren der Lebensmittel gibt es nicht. Bei uns wird auf dem offenen Feuer gekocht, alles muss mit der Hand vorbereitet werden.
Es ist schon spät, bis wir unsere erste Mahlzeit am Tag bekommen.

Die meisten Familien hier in Bugamba und auch in Nkalinzi können sich nur eine Mahlzeit am Tag leisten. Vor allem seit so viele Flüchtlinge aus dem Kongo und aus Burundi in unserer Region leben, sind die Nahrungsmittel knapp und teuer geworden. Zu allem Unglück ist seit einigen Jahren unsere Cassava, das Hauptnahrungsmittel, von einer Virenkrankheit befallen. Die Ernteerträge sind dramatisch gesunken. Die Situation ist besonders für die Kinder, die noch nicht in die Schule gehen, schlimm. Sie hängen in den Dörfern herum und sind auf sich alleine gestellt. Sie gehen auf die Felder und in die Gärten von anderen Leuten und stehlen dort z.B. Mais, Bananen, nur um ihren Hunger zu stillen. Das hängt bei uns hier auf dem Land mit der großen Armut zusammen, die in den letzten Jahren enorm zugenommen hat. Unsere Eltern sind kaum zu Hause. Sie müssen beide von früh bis spät arbeiten, damit wir wenigstens etwas zu essen bekommen.

Neulich habe ich gehört, wie ein Lehrer einen Freund von mir fragte, warum er seine Hausaufgaben nicht gemacht habe und was er denn nachmittags so treibe. Mein Freund antwortete: „Nachmittags, wenn ich von der Schule nach Hause komme, ziehe ich als erstes meine Schuluniform aus. Dann gehe ich mit meinen Freunden Fußballspielen. Meine Eltern sind ja nicht da. So vergesse ich wenigstens, dass ich Hunger habe und komme nicht auf dumme Gedanken. Sonst würde ich vor lauter Hunger stehlen und damit sicher noch mehr Probleme bekommen. Der Hunger tut ja so weh….“

Übersetzung: Gerd Propach