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Es war doch nur ein Mikroskop
Ein Diebstahl und seine Folgen

Die Gelegenheit war günstig. Ein fester Tritt und die Tür sprang auf. Ahmed horchte in die dunkle Nacht hinein. In der Ferne kläffte irgendwo ein Hund. Es blieb still. Er kannte sich in dem Haus aus. Eine Taschenlampe brauchte er nicht. Obwohl es dunkel war, fand er schnell seinen Weg. Die Räume rochen nach Apotheke und Desinfektionsmittel. Die Tür zum Labor war nur angelehnt. Der Kasten mit dem wertvollen Inhalt stand auf dem Tisch . Er packte ihn und verließ so geschwind wie er gekommen war die Ambulanz. Er hatte es geschafft.
Zu Hause angekommen öffnete er aufgeregt die kleine Kiste, entnahm behutsam den Inhalt. Es war ein Mikroskop, das er vor sich auf den Boden stellte. Ja, er würde einen guten Preis dafür bekommen drüben im Kongo. Man hatte ihn gebeten, für eine Gesundheitsstation irgendwie ein Mikroskop zu besorgen, egal wie.

Wir erfuhren von dem Diebstahl als wir auf der Rückreise von unserem Jahresurlaub waren. Wir hatten halb Ostafrika mit unserem Landrover durchquert und befanden uns auf dem Heimweg noch rund 40 km von unserem Krankenhaus entfernt. Der alte Mann, den wir einige Kilometer mitgenommen hatten, erzählte uns aufgeregt und atemlos den Hergang der Geschichte. Für Tage blieb der Diebstahl des Mikroskops aus unserer Ambulanz die Sensation, das Gespräch der ganzen Region. Wenig später berichteten uns unsere Mitarbeiter, wie es weiterging. Der Verdacht war schnell auf Ahmed gefallen, man jagte ihn. Die ganze Bevölkerung war hinter ihm. Kurz vor der Grenze nach Burundi wurde er gefasst. Er hatte keine Chance. In seiner armseligen Hütte fand man das Mikroskop, unversehrt, in Wolldecken eingehüllt. Ahmed wurde den Zunguzungus übergeben, jener gefürchteten traditionellen Miliz, die ihn auf dem Marktplatz seines Heimatdorfes verprügelte, gnadenlos, unter den Beifallsbekundungen der Menschen. Dann erst kam die Polizei. Man machte ihm den Prozess. Er erhielt 1 Jahr Gefängnis.
Ich kannte Ahmed. Er hatte früher in unserem Krankenhaus gearbeitet. Eigentlich ein netter Kerl. Mir tat er fast ein wenig leid. Gewiss, er hatte gestohlen. Aber musste man ihn in dieser Härte bestrafen? Es war doch nur ein Mikroskop.

Nur ein Mikroskop?
Der vorübergehende Verlust des Mikroskops hatte zur Folge, dass über eine Woche lang der Ambulanzbetrieb nahezu lahmgelegt war. Untersuchten die Laboranten sonst täglich 50 bis 60 Blut- und Stuhl- und Urinproben , so hatten sie jetzt kaum etwas zu tun. Der Warteraum blieb leer. Die Patienten blieben aus. Der Betrieb der Gesundheitsstation musste nahezu eingestellt werden. Ohne Mikroskop konnte man keine Patienten behandeln.
Manche Kranke kamen von weit her. Sie waren in der Regel einige Stunden unterwegs, nur um sich in unserer Ambulanz untersuchen zu lassen. Sie wussten, die Untersuchungsergebnisse waren zuverlässig und die Diagnosen stimmten.
Die meisten Patienten hatten Malaria, andere eine Wurmerkrankung, oft beides zusammen, oder Bilharziose, Tuberkulose , Amoeben usw. usw. Für jede dieser Diagnosen benötigte man allerdings eine qualifizierte mikroskopische Untersuchung . Die Laboranten hatten eine 3 jährige Ausbildung mit staatlichem Abschluss. Ihnen entging kaum ein Krankheitserreger. Die Jagd nach Plasmodien, Amoeben, Filarien, nach Parasiten und Bakterien, Wurmeiern und Würmern war ihr täglicher Job, den sie ausgezeichnet beherrschten. Die Beschwerden dieser Krankheiten sind manchmal ähnlich. Einfach blind drauflos behandeln ohne eine gesicherte Diagnose, durfte man nur in ganz besonderen Fällen. Dafür waren die Medikamente zu teuer, die möglichen Nebenwirkungen zu groß. Man hätte vielleicht mehr Schaden als Nutzen angerichtet.
Ahmed hatte sich eines Vergehens an der ganzen Dorfgemeinschaft, ja, an der ganzen Region schuldig gemacht. Für einige Tage war die Bevölkerung nahezu ohne medizinische Versorgung. Vielleicht hatten sogar Menschen sterben müssen, nur weil ihre Krankheit nicht rechtzeitig erkannt wurde. Deshalb waren die Menschen so aufgebracht. Deshalb traf Ahmed die ganze Härte ihres Zorns. Ohne Mikroskop war an eine verlässliche Gesundheitsarbeit nicht zu denken.
Seit diesem Vorfall vor Jahren wird das Mikroskop jeden Abend besonders gut gesichert. Ein Wächter bewacht nachts die Ambulanz.
Ein Mikroskop ist eben etwas ganz Kostbares - zumindest in Afrika.

Gerd Propach